Leseprobe

Two-tone-Schuhe. Pfeffer und Salz. Der Anzug strukturiert wie Fell. Muskulatur malt sich ab. Grauer Bart rahmt den Mund. Raubtierisches im Gesicht, nicht ohne Frieden. Hut tief ins Gesicht gezogen. Die Augen wie geschlossen. Im Arm eine rassige Frau. Pranke in ihrem Rücken. Hat sie im Griff, klauenfeste Sache. Nichts ist zimperlich. Rot ihr kräftiger Tusch von Mähne, muskelfreudig ihre Gestalt. Unbändig-gebändigt. Dem Tanz in der Gewalt. Hure und Freier. Gebraucht, gewiss. Wie Liebe gebraucht werden muss, um zu sein. Von vielen Freiern gewalkt, gestaltet von zupackendem Tango? Ihr Gesäß formt ein Herz, ihre Wadenmuskeln Herzchen, ein Ministern blitzt aus der Ferse. Der Tango hat sie verarbeitet: zum Tier mit den zwei Rücken und den vier Beinen. Über ihnen leuchtet gelbentbrannt eine Laterne.
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Dieser Platz ist reserviert für Sie! liest Vicky auf einem Kanaldeckel. Gäbe mir Lu einen tollen Tänzer, ich bliebe: auf der Stelle. Einem begnadeten Tanguero genügt eine Fläche groß wie eine Briefmarke zum Tanzen. Suchblick – der Auftrag! – auf die Schuhe gerichtet. Funktionsschuhe über Funktionsschuhe. Leben und sterben darin. Prosa für die Füße, keine Poesie. Keine Bonbons für die Augen. Nicht zwiegenäht, nicht trigenäht. Schreien: Schaut weg! Gesundheitsschuhe. Funktionsschlappen. Ungesunde Körper in gesunden Schuhen. Na, übertreib mal nicht. The only thing that counts is the beauty you make. Totalkitsch der Film Nackter Tango, aber dieser Satz darin, o.k. The beauty you dance. Die Schönheit eines Restaurants in einer Kirche. Hunger stillen.
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Eine Rollstuhlfahrerin stand mit einem Rad auf der Tanzfläche. In ihr Gesicht versenkt lag ein erstarrtes und unbegreifliches Glück. Vicky ertrug den Anblick nicht lange. Auf der Tanzfläche gab sich eine Frau mit links einem weißen und rechts einem schwarzen Schuh innig dem Tanzvergnügen hin. Identisches Modell. Musste natürlich abfotografiert werden. “Es gibt nichts Sinnlicheres als die Schönheit der Füße der Damen, wenn sie malerisch ihre Romanze auf den Tanzboden zeichnen.” Nichts Virtuoseres als die Füße der Herren, wenn sie zeichnerisch ihre Initialen auf den Tanzboden schreiben.
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Da passierts, plötzlich. Sie ist in einem Tatort. Entführung in Ludwigshafen: Er entführt sie auf das Parkett. Tut ihr Tanzgewalt an. Macht sie zum Objekt, Inspirationsobjekt: “Im getanzten Gefühl ist die Dame die Inspiration des Mannes.” Missbraucht sie als Anregungsquelle. Verbricht Figuren an ihr, gebogene Figuren: Quebradas: Unterbrechung im Tanzfluss. “Oft liegt die Frau dabei auf dem Mann.” Pegadas: „Schuhplattler“, das Schlagen der Hände auf die Schuhe. “Sehr macho-mäßig.” Spiralisiert ihr die Beine: Piernas spiral: das Bein in der Drehung hochwerfen (z. B. in die Taille). […] Sie ist nicht mehr sie. Sie weiß, er schwarz? Zucker, Pfeffer? Gesichtsverlust. Ihr Gesicht sieht man nicht. Haarsträhnen vergittern es. Eingesperrt. Er hält sie gefangen, in seinen muskulös verbeulten Armen. Liebt sie’s? Gefesselt-entfesselt. Ist sie seine Tanzkomplizin? […] Jetzt winkelt er ihr den Arm in den Rücken. Polizeigriff?! Gefällt’s? Sie vergibt sich, verliert sich und “die Auswirkung ist zu betrachten”: Augen geschlossen. Blind. Er hat sie geblendet. Zu stark sein Glanz. Seine Gewaltigkeit. In ihren Zügen malt sich Rausch. Höhepunktsglück. Intensität. Tätermann, Tätertanz: Er hat ihr die Unfertigkeiten, den Alltag, die lahmen Stunden geraubt, die Antwortlosigkeit, die lauen Gefühle. […]

(Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung der Herausgeberin. Der Text “Die Schönheit der Füße der Damen” erscheint voraussichtlich am 27. März 2014 im Wunderhorn Verlag in Heidelberg)